Kurzgeschichte „Mein Lichtblick“ – von Julie Lücking

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Ich war allein, allein in einem Raum. Ich öffnete langsam meine Augen, was mir sehr schwerfiel, denn meine Lider waren schwer wie Blei. Grelles Licht schien erbarmungslos auf mich herab und ich verzog das Gesicht. Mein Kopf dröhnte, aber ich versuchte mich zu orientieren. Ich lag auf einem Bett in einem mittelgroßen Raum. Mein Körper war wie gelähmt, einfach kraftlos. Ich hatte anstatt meiner Kleidung ein weißes Hemd an und ich war an vielen Geräten angeschlossen. Nun wurde es mir klar: Ich lag in einem Krankenhaus. Das Letzte, an das ich mich erinnern konnte, war, dass ich fahrradgefahren und plötzlich ein Auto auf mich zugerast war. Dann war es schwarz vor meinen Augen geworden. Ich hatte wahrscheinlich mein Bewusstsein verloren.

Auf einmal kam eine mittelgroße Frau im Arztkittel auf mich zu. Sie erklärte mir die Lage und prüfte, ob ich bei Sinnen war. Sie sagte, dass meine Familie auch bald kommen würde. Dann ging die Frau wieder. Ich konnte es nicht fassen. Ich wollte doch eigentlich nach meinem Abitur die Welt bereisen, aber jetzt lag ich hier, im Krankenhaus, mit Gipsbein und anderen Verbänden. Ich hätte am liebsten laut geschrien, so furchtbar war die Situation! 

Nach etwa einer viertel Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkam, besuchten mich endlich meine Mutter und Tim, mein Stiefvater. Sie brachten mir mein Handy, Kopfhörer und etwas zum Lesen mit. Sie versuchten mich aufzuheitern, doch es funktionierte nicht. „Du wirst bald entlassen, ganz sicher! Du bist doch ein starkes Mädchen!“, sagten sie andauernd. Ich hätte ihnen so gerne geglaubt, aber so wie ich mich fühlte, wirkte es nicht so, als ob ich bald diesen trostlosen Kasten verlassen könnte.

Nach ein paar Stunden wurde ich in einen anderen Raum gefahren und war mit zwei Mädchen in einem Zimmer. Wenigsten wurde einem nicht mehr so langweilig. Es vergingen wieder Minuten und irgendwann wurden mir Medikamente gegeben. Danach nahm ich mir mein Handy und hörte meinen Lieblingssong an. Ich versuchte mich abzulenken. Das war alles so surreal. Ich war noch nie, abgesehen von meiner Geburt, in einem Krankenhaus gewesen. Ich sah auf meinem Bildschirm viele ungelesene Nachrichten von meinen Freunden. Sie hatten sich große Sorgen gemacht. Ich schrieb noch ein bisschen mit meiner Freundin und versuchte dann zu schlafen. Es fiel mir leichter als erwartet, jedoch schlief ich sehr unruhig.

Am nächsten Tag wurden viele verrückte Tests gemacht, ich kam in eine unheimliche, laute, hämmernde Röhre und wieder besuchten meine Mutter und Tim mich. Danach spielte ich was auf dem Handy und las ein bisschen. Und das wiederholte sich Tag für Tag. Ab und zu besuchte mich zwar eine Freundin, aber das war es auch. Es war wie eine furchtbare Zeitschleife, aus der ich nicht mehr herauskam. Die Zeit verging so langsam. Irgendwann begriff meine Familie auch, dass mein Aufenthalt noch länger dauern würde. Jeden Tag ein neuer Arzt, ein neuer Verdacht, ein neues Gerät. Ich hatte es satt! Vor allem diese Ungewissheit, wann ich endlich entlassen werde. Während ich hier gequält wurde, machten meine Freunde Party. Es war so unfair! Ich verlor nach und nach meine Lebenslust und das immer stärker werdende Fernweh versuchte mich vergebens hinauszerren in das schöne Leben. Ich hatte das Gefühl, dass ich depressiv wurde und die Atmosphäre der Klinik bewirkte nicht gerade das Gegenteil.

Tage verstrichen und aus den Tagen wurden Wochen. Irgendwann gab ich auf, meine Behandlungen verstehen zu wollen. Das Licht am Ende des Tunnels, das ich noch vor kurzem gesehen hatte, war langsam erloschen. Ich fühlte mich so hilflos, da ich ausgeliefert und machtlos war. Ich konnte nichts mitentscheiden. Während dieser angsteinflößenden Zeit verstand ich, dass Gesundheit nicht selbstverständlich ist und dass man jeden Tag, an dem es einem gut geht, genießen sollte. Unfälle und Krankheiten konnten jeden treffen. Aber warum hatte es ausgerechnet mich getroffen? Wenn mir doch nur jemand wieder Lebensfreude schenken könnte? Meine arme Familie konnte das auch nicht mehr tun. Ein Wunder müsste geschehen…

Eines Tages besuchte mich mal wieder meine Mutter. Wir führten ein aufgezwungenes Gespräch, dem ich mürrisch beiwohnte. Ich war eigentlich ein positiver Mensch, aber im Laufe der Zeit machten diese Bedingungen hier, die ich leider nicht verändern konnte, es mir einfach schwer, optimistisch zu bleiben. Auf einmal kam ein unscheinbarer Arzt, der mich sicher schon einmal in diesen Wochen behandelt hatte, ins Zimmer. Ein Schauer lief mir den Rücken hinunter, als ich eine Spritze in seiner Hand sah. Leidend ließ ich den Stich über mich ergehen. Doch dann bat der Doktor meine Mutter vor die Tür. Sie redeten ein paar Minuten miteinander und kamen dann wieder herein. Ich stutzte. Seltsamerweise waren die Sorgenfalten meiner Mutter, die sie eigentlich immer nach einem ärztlichen Gespräch hatte, nicht zusehen. Ich glaube sogar, dass ich ein leichtes Lächeln über ihr Gesicht huschen sah. Und dann geschah es. Ein kleiner Funken Hoffnung, kaum spürbar, erfüllte kurz mein Herz. War diese Folter vielleicht endlich vorbei? War ein Ende in Sicht? Mein Herz schlug immer schneller. Vielleicht konnten doch Wunder passieren und man sollte nie die Hoffnung aufgeben? War meine Zukunft zum Greifen nah?  Ich blickte aus dem Fenster in das strahlende Licht. War das nun endlich mein Lichtblick?

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